Besinnungswochenende
für Frauen

Aus dem Bericht einer Teilnehmerin:

 

30 Minuten nur leben

 „Schweigen und hören“, so lautete das Motto unseres Besinnungswochenendes im Ursulinenkloster Landshut in der Zeit vom 10.-12.03.2006. Gespannt und voller Erwartung, was dieses Thema wohl mit sich bringt, begannen wir 19 Frauen unsere gemeinsamen Tage mit der Vesper, die wir zusammen mit der Schwesterngemeinschaft feiern durften. Gestärkt vom Abendessen und nach einer kurzen Vorstellrunde stimmte die Frage „Wann und warum schweigen wir eigentlich?“ auf unser Thema ein, unser Thema, das uns nun die nächsten Tage begleiten sollte. Erstaunlich war die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Antworten unserer bunt gemischten Gruppe. Erstaunlich, die individuelle Beziehung, die jede einzelne zu dem kleinen Wort „Schweigen“ pflegt. Die Assoziationen reichten vom - Schweigen zur Entspannung, zur Besinnung über das Schweigen aus Unsicherheit, aus Verlegenheit bis hin zum Schweigen, um zu hören, um zuzuhören, um zu gehören - um nur einige zu nennen. Doch stellten wir auch fest, dass Worte oft verletzend sein können, verletzend dort, wo es ehrlicher wäre, vor dem Unaussprechlichem zu verstummen – zu schweigen.
Ergriffen von all den persönlichen Stellungnahmen beendete ein meditativer Tanz den ersten Tag unseres Zusammenseins.
Am nächsten Morgen, den wir mit einer Andacht im schönen Meditationsraum des Klosters begannen, versuchten wir nun dem Schweigen in all seiner Fülle mit all unseren Sinnen nachzuspüren. Nun galt es nicht mehr wie am Vortag „nur“ über das Schweigen nachzudenken, sondern es unmittelbar zu erleben. An einem beliebigen Ort sollte jede einzelne von uns versuchen, 30 Minuten zu schweigen. 30 Minuten die Gedanken vorbeiziehen lassen, 30 Minuten nur atmen, 30 Minuten einfach nur sein – da sein, das Leben spüren. Vielleicht waren für die ein oder andere diese 30 Minuten die längsten ihres Lebens, vielleicht aber auch die bewusstesten, die gelebtesten...

Der anschließende Erfahrungsaustausch war jedenfalls so reichhaltig, dass sich erahnen ließ, welche Fülle sich im Schweigen verbirgt. Es entstanden Gedichte, Verse, fragmentarische Gedanken und eine Vielzahl von Gemälden. Allgemein stellten wir fest, dass es vielleicht eine der schwierigsten Übungen ist, ganz ohne sich festklammernde Gedanken einfach nur zu leben. Gelingt es jedoch, diese anfängliche Schwierigkeit zu überwinden, so erreicht man vielleicht einen Bereich, der sich gegen den kausalen Zusammenhang von Sprache und Fakten sperrt.

Wie eng das Thema unseres Besinnungswochenendes mit dem Ursulinenorden in Verbindung steht, wurde uns durch eine Multimediapräsentation über das Leben und Wirken von Angela Merici, der Gründerin des Ursulinenordens, bewusst. So bilden das Schweigen und Hören einen ganz zentralen Bereich ihrer Spiritualität. In der Regola, die Angela ihren „geliebten Töchtern und Schwestern“ hinterließ, ruft sie unermüdlich zur Wachsamkeit und zum Hören auf, um die „Ratschläge und Anregungen“ wahrzunehmen, „die der Heilige Geist fortwährend ins Herz gibt“. (aus dem 8. Kapitel der Regola)

Abschließend feierte unsere Gruppe am Sonntag einen Gottesdienst, den Herr Weyers unter das Motto der Verklärung stellte und auf die Bedeutung des irdischen Lebens, des Lebens im hier und jetzt, trotz allem Streben zum Transzendenten hinwies. Das Versenken in eine innere, schweigende Welt erfordert auch immer den Ausgleich durch alles Irdische, Menschliche. Beides sollte sich die Waage halten. Diese Gedanken rundeten unser Besinnungswochenende ab und deuteten zugleich unsere Rückkehr aus unserem Ausflug in die Welt des Schweigens an.

Am heutigen Tag ist bereits eine Woche zu den Tagen in Landshut vergangen und auch im Alltag begleitet mich der wieder neu erfahrene Reichtum, den das Schweigen und Hören mit sich bringt. der Reichtum, der sich in 30 Minuten erahnen ließ, in 30 Minuten, in denen es einfach nur zu leben galt.
 

       

                           

Abschließend ein Gebet, das meines Erachtens den Sinn unseres Themas „Schweigen und Hören“ in seiner ganzen Fülle erfasst.

 Herr, gib mir ein hörendes Herz.
Lass mich wachsam sein mit weitem und sehnsüchtigem Herzen,
um das leise Wehen deines Geistes zu vernehmen.

(aus „Beten mit Angela Merici“) 

 

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